Das DDR-Flächentarnmuster
 
1956 gilt als das Jahr des erstmaligen Erscheinens des DDR-Flächentarnmusters (mitunter im Volksmund auch Blumentarn oder Kartoffelacker genannt). Zuvor und noch zeitgleich verwendete die NVA Tarnbekleidung aus DDR-Produktion im sandgelb-braunen Amöbentarnmuster. Dieses orientierte sich sehr stark an der kaki-braun (bis schwarz) gefleckten Tarnbekleidung MKK 38 für Sonderverbände der Sowjetarmee des 2. Weltkrieges. Bereits 1956 gab es erste Überlegungen der DDR-Militärführung, einen eigenen Kampfanzug einzuführen.
 
Als Vorbild in Schnitt und Machart dürften zweifellos die Tarnschlupfjacken und wendbaren Wintertarnanzüge der Wehrmacht und der Waffen-SS gedient haben. Der Kurator des US Army Museums, Daniel Peterson, jedenfalls widmet der Betrachtung des DDR-Flächentarnmusters ganze zwei Seiten in seiner Publikation „Tarnuniformen der Waffen-SS und Nachkriegsvariationen“, erschienen bei Crowood Press Ltd, Ramsbury, Marlborough, Großbritannien, 2001. Sicherlich blieb ihm die Ähnlichkeit des SS-Eichenlaubmusters mit dem DDR-Flächentarnmuster nicht verborgen.
  
 
 
Linke Beintasche der 1959er Hose. Bein- und Ärmeltaschen waren charakteristische Merkmale der meisten DDR-Kampfanzüge von 1958 bis 1990. Eventuell abgeschaut bei den um 1942 bei der US-Army eingeführten Felddiensthosen mit den überdimensionierten seitlich aufgesetzten Beintaschen.
 
 
 
Sie dienten dem DDR-Flächentarnmuster vermutlich als Vorbild: Die vielen Flecktarnmuster der Waffen-SS, hier das Eich-Platanenmuster (Nr. 6) mit der Frühlings- und Herbstseite einer Zeltbahn.
 
Vermutlich besaß auch das 1957er Model wie das 1958er und das 1959er Model die längst angeordneten Taschenpatten, diese wurden bei allen nachfolgenden Modellen nicht mehr weitergeführt. Die große, fest angebrachte Kapuze wurde so gestaltet, dass sie über den Stahlhelm passte und war mit einem Mückenschleier ausgestattet, ein charakteristisches Merkmal aller Jacken der „Kapuzenserie“ bis 1964. An allen Varianten, die dem 1958er und 1959er Jackenmodell folgten, konnte die Kapuze eingerollt werden und mit einem im Innern der Jacke befindlichen Befestigungsband und einem Knopf unter der Kapuze fixiert werden.
 
Die Einführung von Ausrüstungsgegenständen im Flächendruck, wie FeldflaschenMagazin-, TSM- und Gerätetaschen, fiel nicht zeitgleich mit dem Jahr 1958 zusammen. Diese wurden vermutlich erst Anfang der 60er Jahre oder später eingeführt, während das Sturmgepäck im Flächendruck schon 1957 getestet worden war. Geregelt wurde die Trageweise des Felddienstanzuges im Flächendruck bei der NVA (Sicher gab es auch eine seperate Vorschrift für die DVP) in der Bekleidungsvorschrift der NVA DV 10/5, die noch in den 60er Jahren mehrfach modifiziert wurde. Flächentarnbekleidung und -ausrüstung wurde bei der NVA an die Landstreitkräfte (außer Panzerbesatzungen) und die Lufstreitkräfte ausgegeben. Bei der Volksmarine ist mir in dieser Hinsicht nur der Seesack und die Zeltbahn bekannt. Auch die DVP hatte Flächentarnbekleidung und -ausrüstung in ihren Beständen.  Auch das MfS war damit ausgestattet.
 
Eine Besonderheit: "1962 - Der Kampfanzug für Aufklärer, vom 1. August 1961 bis zum 31. Januar 1962 in der Erprobung, wird an die Aufklärer, an die Angehörigen des Fallschirmdienstes der Luftstreitkräfte sowie an die Fallschirmjäger ausgegeben. Der normale Kampfanzug und die einteilige Sprungkombination entfallen somit. Der neue Kampfanzug besteht aus einer Jacke und Hose aus Dederonmischgewebe und ist im Vierfarbdruck, auch Flächendruck genannt, hergestellt. Bis dahin entsprechen Bewaffnung und Uniform der Fallschirmjäger denen der Mot.-Schützen." Quelle (Text leicht abgewandelt): Homepage Fallschirmjäger-Traditionsverband Ost e. V.
 
Das Erscheinungsbild des Flächendruckes wurde bis 1961/ 62 von einem dunkleren Braun dominiert. Ab 1962 kam eine hellere Version des gleichen Flächendruck-Musters mit einem hellerem Braun und einem deutlicheren Grün auf.
 
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Kritische Manöverauswertungen von Soldaten und Offizieren führten dazu, Jacken der „Kapuzenserie“ ab 1965 nicht weiter zu produzieren und bei den bewaffneten Organen der DDR (NVA und DVP, sicher dürfte auch das MfS über derartige Felddienstbekleidung verfügt haben) auf Dauer nicht mehr zu verwenden. Grund war die schlechte Rundumsicht des Kämpfenden im Gelände bei der über den Stahlhelm M 56 aufgezogenen und als Tarnbezug konzipierten Kapuze. Diese wurde bei den Modellen 1960 bis 1964 zusätzlich serienmäßig mit zwei an der Kapuze vernähten Metallhaken am Stahlhelm befestigt. Bei den frühen 50er Jahre Modellen wurden vermutlich nachträglich Behelfshaken vernäht.
 
Die zweite Generation des Kampfanzuges im Flächentarndruck wurde bereits 1963 eingeführt, nun mit Kragen und für eine bessere Rundumsicht des Soldaten mit seperatem Stahlhelmtarnbezug. Nur bei den Modellen 1964 (1963?), 1965 und 1966 (Kampfanzug 64) konnte diese Kapuze mit vier flachen Knöpfen hinter dem Kragen angeknöpft werdenHistorische Originalaufnahmen jener Zeit lassen vermuten, dass die nun eingeführten Kampfanzüge mit Kragen wohl zuerst vorrangig an Offiziere und Unteroffiziere ausgegeben wurden, da auf diesen Bildern die Mannschaftsdienstgrade weiterhin mit den Jacken der Kapuzenserie eingekleidet sind.
 
1965 wurden beim Kampfanzug 64 wieder Brusttaschen eingeführt, jetzt in waagerechter Anordnung. Dieser jetzige Uniformschnitt blieb im Wesentlichen bis 1990 der aktuelle, dann aber im 1964/  1965 eingeführten Strichtarnmuster.
 
Über das Verschwinden des DDR-Flächentarnmusters wurde schon zu DDR-Zeiten spekuliert: Die sowjetischen Verbündeten mochten das NATO-ähnliche Flecktarnmuster nicht mehr… Der eigentliche Grund, die aufwändige und teuere Druckherstellung mit den vier Farben grau (Grundfarbe), blaugrün, grün und braun dürfte die DDR-Führung veranlasst haben, das Flächentarnmuster nicht weiter zu verwenden. Möglicherweise orientierte man sich zusätzlich an den Strichtarnmustern der VR Polen und der ČSSR, das DDR-Strichtarnmuster des Typs 1 ähnelt diesen noch sehr stark.
 
Interessant ist, dass die Produktion von Felddienst-Uniformen im Flächentarndruck der „Kragenserie“ bis 1971 fortgesetzt wurde, ungeachtet der Einführung der Kampfanzüge im Ein-Strich-kein-Strich-Muster im Jahre 1965. Die Ausstattung mit den neuen Strichtarn-FDA war bei der NVA und der DVP nicht von heute auf morgen abgeschlossen, sondern zog sich vermutlich bis etwa 1975 hin. Zuerst wurden taktische Einheiten damit eingekleidet, während Nachschub- Stabs- und Nachrichteneinheiten zunächst weiterhin im FDA im Flächendruck auskommen mussten.
  
Nach ihrer eigentlichen Bestimmung, die Konturen des Kämpfers im Gelände weitestgehend vor den Augen des Gegners mit der bewachsenen Umgebung verschmelzen zu lassen, wurden einige Flächentarnanzüge als Arbeitsbekleidung schwarz eingefärbt oder wurden so, wie sie waren, im zivilen Sektor als Arbeits- bzw. Freizeitbekleidung aufgetragen. Besonders mit den Jacken der Kapuzenserie schuf die DDR-Textilindustrie ganz unfreiwillig einen schon damals sehr beliebten Jacken-Klassiker.
 
Dazu muss man aber wissen, dass es in der DDR ein Uniformtrageverbot für Zivilisten gab. So konnte es gerade in größeren Städten vorkommen, dass zivil getragene Militärbekleidung  von der Volkspolizei auf offener Straße beschlagnahmt und eingezogen wurde.
 
In einigen Bezirken der DDR wurde Flächentarnbekleidung vermutlich noch bis Ende der 70er Jahre vereinzelt bei der GST weiter genutzt.
 
Viel Flächentarnmaterial ist sicher in den letzten 40 Jahren vernichtet wurden, aber das Interesse daran scheint glücklicherweise wieder zu steigen. Gut erhaltene Stücke werden aber immer seltener.
 
Nach bisherigem Erkenntnisstand war der VEB Burger Bekleidungswerke in Burg bei Magdeburg vermutlich der einzige Hersteller von Jacken und Hosen im Flächendruck. Der oder die Designer des DDR-Flächentarnmusters sind leider bis heute nicht bekannt, sehr schade eigentlich.
 

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Michael Krauß im Mai 2015